German version
In meinem Bücherregal stehen viele Bücher über Frau Merkel. Meistens nehmen Besucher in unserem Haus an, dass mein Mann ein Anhänger von Frau Merkel ist. Wenn sie jedoch herausfinden, dass eigentlich ich diejenige bin, die von Frau Merkel fasziniert ist, sind sie überrascht.
Zeitgleich mit der Veröffentlichung der Autobiografie von Frau Merkel (Freiheit von KiWi Verlag) habe ich die Übersetzung von sieben ihrer wichtigsten Reden abgeschlossen und an einen iranischen Verlag zur Veröffentlichung übergeben.
Ich weiß noch nicht, ob dieses Buch die Genehmigungen des Ministeriums für Kultur und islamische Führung erhalten und gedruckt werden wird, aber das Vorwort, das ich für dieses Buch geschrieben habe, erklärt gut, warum ich Frau Merkel so bewundere. Im Folgenden möchte ich die Übersetzung dieses Vorworts auf Deutsch wiedergeben:
Frau Bundeskanzlerin ist zweifellos eine der wichtigsten politischen Persönlichkeiten dieses Jahrhunderts. Doch für mich ist sie mehr als nur eine Politikerin. Frau Merkel ist für mich das Symbol weiblicher Führung – ein lebendiger Beweis dafür, dass Führung menschlich sein kann und sollte. Sie ist die erste Bundeskanzlerin, die in einer demokratischen Ordnung sechzehn Jahre in Folge in dieses Amt gewählt wurde.
Nachdem sie beschlossen hatte, sich aus der Politik zurückzuziehen, erzählte eine Frau während der Wahlkampagne für die nächste Legislaturperiode in einem Fernsehinterview, dass ihre kleine Tochter ihr die Fotos der Männer auf den Wahlplakaten gezeigt und gefragt habe: „Mama, Dürfen Männer auch Kanzlerin werden?“ Eine kindlich-süße Frage, die zeigt, wie diese Frau die Klischees der Weltpolitik für immer verändert hat.
Als Physikerin, Bürgerin der DDR und erste weibliche Kanzlerin Deutschlands ist Frau Merkel für mich – als Ingenieurin und Migrantin – ein Vorbild. Wann immer ich mich von der Größe einer bevorstehenden Aufgabe überwältigt fühle, stelle ich mich vor den Spiegel, lege meine Fingerspitzen aneinander und sage mir mit Merkels Tonfall: Wir schaffen das!
Ich bin Ende 2019 nach Deutschland ausgewandert. Drei Monate nach meiner Ankunft wurde die Welt mit einer beispiellosen Herausforderung konfrontiert: der Corona-Pandemie. Für einen Neuankömmling erscheint jede Veränderung größer, als sie ist, und jede Herausforderung komplizierter, als sie tatsächlich ist. Ein Migrant trägt immer zwei Lasten gleichzeitig – die Schwierigkeiten des aktuellen Lebens und die anhaltenden Sorgen um das Herkunftsland. Damals war ich sowohl um meine Familie und Freunde im Iran besorgt als auch unsicher, wie ich mich in einem für mich noch fremden Land dieser neuen Herausforderung stellen sollte.
ein Wohnzimmer war fast leer. Ein kleiner Fernseher und ein alter Tisch waren von den vorherigen Mietern zurückgelassen worden. In meinem ersten Versuch, diese Wohnung in ein Zuhause zu verwandeln, hatte ich ein Regal und einen Teppich bei Ikea gekauft. Für mich als orientalischen Menschen symbolisiert ein Teppich das Zuhause – einen Ort der Geborgenheit. Eines Tages Mitte März, kurz vor dem persischen Neujahrsfest Nowruz, saß ich voller Sorge über das Weltgeschehen auf meinem kleinen Teppich vor dem Fernseher und wartete auf die Rede der Bundeskanzlerin.
Frau Merkel sagte: „Ich spreche heute ganz bewusst auf diesem Weg zu Ihnen, weil ich Ihnen erklären möchte, was mich als Bundeskanzlerin und alle meine Kolleginnen und Kollegen in der Bundesregierung in dieser Situation leitet. Das ist ein Teil einer offenen Demokratie: dass wir politische Entscheidungen transparent machen und erklären. Dass wir unser Handeln soweit wie möglich begründen und kommunizieren, damit es nachvollziehbar wird.“
An diesem Tag dachte ich, wenn es eine Unterrichtsstunde für Demokratie geben sollte, wäre diese Rede sicherlich ein Kapitel davon.
Sie sagte: „Die Lage ist ernst. Nehmen Sie sie auch ernst. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat es keine Herausforderung für unser Land mehr gegeben, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt.“ Und ich begann, diese Worte in meinem Kopf neu zu definieren: Demokratie, Transparenz, Solidarität.
Sie fuhr fort: „Diejenigen, die sterben, sind keine abstrakten Zahlen, sondern Väter oder Großväter, Mütter oder Großmütter, Partnerinnen oder Partner. Es sind Menschen, und wir sind eine Gesellschaft, in der jedes einzelne Leben zählt.“
Ich dachte an die zahllosen Opfer von Corona, Krieg, Armut und Diskriminierung in anderen Ländern, an all jene, die für ihre Regierungen nur Zahlen waren und deren Leben und Individualität keine Bedeutung hatten. An die Regierungen und Führer dieser Welt, deren Verständnis von der Welt keine Würde für den einzelnen Menschen kennt. Und ich dachte: Ich bin hier, habe die Chance, diese Worte zu hören, und sollte aus ihnen lernen.
Heute, fast fünf Jahre später, nach der Überwindung von Corona und den Herausforderungen des Lebens in einem neuen Land, habe ich die Gelegenheit, einige der wichtigsten und denkwürdigsten Reden der mächtigsten weiblichen Regierungschefin der modernen Welt in meine Muttersprache zu übersetzen und die Freude an der Wiederentdeckung dieser Werte mit meinen Landsleuten zu teilen.
Aus dieser Sammlung stammen drei Reden aus den Jahren 2008, 2015 und 2021, die in einem Buch mit dem Titel „Was also ist mein Land“ vom Aufbau-Verlag veröffentlicht wurden. Die Texte aller Reden sind auf der offiziellen Website des Bundeskanzleramts verfügbar.
© Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten.
Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen
Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.